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Die "Leichtigkeit" des SEINS?!

„Lassen Sie alles los, was nicht wirklich glücklich macht und leben Sie in der Leichtigkeit des Seins“
(Kurt Tepperwein)

 

In Reiterkreisen, die sich bewusst Gedanken über das Wesen des Pferdes machen, spricht man oft von Dingen, die der Mensch vom Pferd lernen kann. So gibt es für viele gar keinen Zweifel daran, dass Pferde ständig im "hier und jetzt" SIND - und dass der Mensch sich davon eine gehörige Scheibe abschneiden kann. Nur wer im "hier und jetzt" (bewusst bei sich) IST, fühlt sich leicht - und wird glücklich.

 

Ich möchte diese Aussage gar nicht grundsätzlich in Frage stellen oder bestreiten. Was bedeutet es eigentlich zu SEIN? Kann ein Wesen überhaupt "nicht SEIN"? - Dazu haben sich bereits viele Philosophen geäußert, und in diese Diskussion möchte ich gar nicht einsteigen. Gleiches gilt für das irgendwie nicht greifbare "hier und jetzt". Für unser Leben im Allgemeinen gilt vermutlich wie so oft: ein gesunder Mittelweg ist erstrebenswert. Aus der Vergangenheit, die zu uns gehört, lernen und Verständnis entwickeln. In der Gegenwart agieren, leben und bewusst SEIN. Für die Zukunft (Entwicklungs-)Ziele setzen und Visionen erdenken.

 

Mit dem "hier und jetzt" SEIN bei Pferden habe ich vor Kurzem eine spannende Erfahrung gemacht: bei der Arbeit mit einem jungen, noch rohen Araber, kam mir der Gedanke über die "Leichtigkeit" des Seins. Denn diese Leichtigkeit ist manchmal mitunter schwer zu erreichen. Das Tier hat trotz seines jungen Alters bereits eine bewegte Geschichte hinter sich - und wohl als letzten Ausweg steigen und drohen perfektioniert. Glücklicherweise trennten sich die ursprünglichen Besitzer von ihm und das Jungpferd bekam von der neuen Besitzerin Zeit für einen totalen Reset - nur Koppelgang, sonst wurde über Jahre und Monate nichts von ihm gefordert oder verlangt.

 

Als ich angefangen habe mich mit ihm zu beschäftigen, war seine Vergangenheit für mich zunächst nicht wichtig. Ich wollte gerne mit ihm starten, wie mit den Wildpferden in Australien - frei im Round Pen, nur durch mein hier und jetzt "da-SEIN" den ersten Kontakt knüpfen. Ihm Zeit geben, auf mich zuzukommen. Wahrscheinlich hätte ich wissen müssen, dass das nicht klappen kann. Im Gegensatz zu den Wilden ist dieses Pferd nicht mehr völlig "unbefleckt", was das Zusammensein mit Menschen angeht. Er hat einen Alltag, in dem er bis auf die täglichen Fütterungen nicht auf den Menschen angewiesen ist UND er hat das SEIN in Menschengesellschaft in einer prägenden Phase als nicht begehrenswert kennengelernt. Das konnte er auch mit mir im hier und jetzt zunächst nicht ablegen. Er hat mich schlicht ignoriert und ununerbrochen nach den Kumpels im Stall gerufen. Wenn ich Kontakt "erzwingen" wollte, indem ich auf ihn zugegangen bin, hat er feindselig bis aggressiv reagiert.

 

Eine neue Taktik musste her - ich habe zunächst mit ihm am Halfter in Stallnähe "gearbeitet", danach auch auf dem Reitplatz. Sein Job war nur "zu SEIN". Mit mir, ohne Kumpel an seiner Seite, auf dem Hof zu stehen. Im Idealfall entspannt. Außenreize ausblenden. Ein unsichtbares Band knüpfen, das unsere Gedanken und Herzen miteinander verbinden soll. Diese Übung fällt dem jungen Araber unglaublich schwer. Einfach nichts zu tun. Und dann kam mir der Gedanke, dass das "SEIN" an sich für viele Wesen eine wirkliche Herausforderung ist.

Für Menschen ohnehin - ständig denken wir an "nachher" oder "morgen", daran was andere von uns denken oder erwarten, an unsere Sorgen, Ängste, Probleme. Offensichtlich haben aber auch Pferde den Drang, viel im Außen zu verweilen - das mag an ihrer Natur liegen, sind sie doch als Fluchttiere darauf angewiesen, mitzubekommen, was um sie herum passiert und ob sich der Löwe anschleicht, weil er sie verspeisen will. Das kann doch nicht erstrebenswert sein? Zumal es in unseren Breitengraden keine Löwen oder sonstige Raubtiere gibt, die Pferde aus einem Hinterhalt heraus angreifen. Trotzdem sind auch hierzulande viele Pferde ständig abgelenkt - schnüffeln an Mistbollen vom Vorreiter, glotzen der Herde auf der Koppel hinterher, konzentrieren sich auf alles - nur nicht auf den Menschen, der gerade Zeit mit ihnen verbringt. Was oft auch nicht verwunderlich ist, wenn der Mensch selbst mit der Stallnachbarin ratscht, telefoniert, oder schnell das neueste Selfie mit Pferd auf Facebook hochlädt.

 

Ich plädiere für mehr zusammen-SEIN von Mensch und Pferd. Einfach auch mal zusammen nichts TUN, sondern SEIN. Sich selbst spüren, das Gegenüber in all seiner Schönheit und mit all seinen Eigenschaften wahrnehmen. Atmen und Atem beobachten. Fühlen - Berührung ebenso wie Gefühle. Wenn ich als Mensch Zeit dafür aufbringe, mit meinem Tier zu SEIN, verlange ich dies gleichermaßen von meinem Pferd. Anfangs manchmal eine schwierige Übung, wenn aber Mensch und Pferd erst einmal feststellen, dass dann all das Außen, all die Sorgen, Ängste und Eventualitäten in den Hintergrund treten, kommt die Leichtigkeit von ganz alleine. Und das Pferd wird genießen, dass es in diesem kurzen Moment keine Verantwortung trägt und keine Anforderung erfüllen muss.

 

Das Tier mit dem ich im Moment arbeite ist im höchsten Maße ambivalent und in sich selbst zutiefst gespalten - von Freude über den Kontakt mit mir bis Angst davor, was wohl auf ihn zukommen mag. Von "mir-gefallen-wollend" bis das eigene wilde Wesen verteidigend. Von mit mir "das-hier-und-jetzt-genießend" bis Flucht und Schutz im außen suchend. Bis zur Leichtigkeit des SEINS haben wir noch einen weiten Weg zu gehen. Aber es wird sich lohnen, sagt mein Gefühl. Für den Araber und für mich selbst. Unser zusammen-SEIN ist jedes Mal aufs Neue spannend und ziemlich sicher sind wir uns nicht zufällig begegnet...

 

Holt euch die Leichtigkeit des SEINS zurück.

Kommentare: 1
  • #1

    Tina (Montag, 12 Februar 2018 20:33)

    Ich bin begeistert von der großartigen Essenz deiner geschriebenen Worte.....
    So wahr!