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Situatives begleiten, agieren und reagieren

Bisher gibt es auf der ganzen Erde keine zwei Menschen mit dem gleichen Fingerabdruck - zumindest sind keine bekannt. Wir gehen also davon aus, dass unser Fingerabdruck einzigartig ist, keiner ist identisch mit einem anderen. Und wenn schon unsere Körper so individuell sind, wie sehr sind wir es dann im Ganzen, mit all unserem Inneren, unseren Erfahrungen, Vorstellungen, Gedanken, Glaubenssätzen, und so weiter?

Ebenso unvergleichbar sind unsere Pferde. Keines ist wie das andere. Weder körperlich noch psychisch können wir sie alle über einen Kamm scheren.

 

Wo auch immer Mensch und Pferd aufeinander treffen müssen wir daher offen bleiben für das was uns begegnet und wie wir damit umgehen. Einfach ausgedrückt: Unterschiedliche Situationen erfordern unterschiedliche Methoden und Herangehensweisen. Ich kann keine Methode, kein "Schema-F", ganz verbissen lehren und es allen Pferd-Mensch-Paaren in allen Situationen überstülpen. In einer Situation, für dieses Pferd und diesen Mensch ist die Herangehensweise vielleicht ganz richtig, funktioniert prima und führt schnell zum Erfolg. Ein anderes Mal begegnen mir jedoch ganz andere Individuen mit völlig unterschiedlichen Ausgangspositionen, ganz anderen Erfahrungen und Charakteren. Für diese Begegnung wäre die gleiche Vorhergehensweise wie beim ersten Paar möglicherweise ganz falsch, würde zum Gegenteil des Erstrebenswerten führen.

Situatives Begleiten von Junghengst Planeto in Australien
Situatives Begleiten von Junghengst Planeto in Australien

Ein (absichtlich provokatives) Beispiel dazu: es handelt von Cowboys und Mustangs. Die Cowboys haben die Mustangs für den Viehtrieb gebraucht, um das Überleben der Menschen zu sichern. Kühe sind Fleisch, Fleisch ist Nahrung und Geld, Nahrung und Geld sichern das Leben der Menschen. Es gab also einen Job zu tun, die Zeit war knapp, es war kein Raum für "Gespräche" zwischen Mensch und Pferd. Der Mustang musste innerhalb kürzester Zeit reitbar gemacht werden, damit er auf dem beschwerlichen Viehtrieb seinen Job erledigen kann, nämlich die Rinder von A nach B zu bringen. Eine Methode war also die Mustangs in einem Roundpen so lange zu treiben bis sie sich ergaben, vielleicht resignierten und sich ihrem Schicksal fügten. Das Wildpferd musste innerhalb kürzester Zeit "funktionieren", um das Überleben der Menschen zu sichern. Ob das nun gut oder schlecht war möchte ich nicht bewerten. Es war für die Cowboys zweckmäßig und notwendig. Die Pferde haben sich innerhalb kürzester Zeit angeschlossen, nicht weil sie dachten: "Super Typ!", sondern weil das ihr Ausweg aus einer unangenehmen Situation war.

 

Irgendwann ist diese Methode auch nach Europa herübergeschwappt und viele Leute haben angefangen mit ihren domestizierten Pferden dieses Scheuchen zu praktizieren. Weil das Ergebnis ja so schön war: ein reitbares, gefügiges Pferd innerhalb von 3 Tagen! Das muss DIE ultimative Methode im Umgang mit Pferden sein! Aber angewendet auf eine ganz andere "Zielgruppe", zum Beispiel (provokativ!) die Hausfrau Hanneliese mit ihrem 23-jährigen Wallach Struppi, der zwar sehr lieb aber ab und zu ein bisschen tröge ist, war der Effekt ein ganz anderer. Struppi ist zum ersten Mal in seinem Leben völlig ausgerastet, weil er sein Frauchen so gar nicht kennt, und das Frauchen scheucht fleißig weiter, weil der Struppi ja jetzt erst sein wahres bösartiges Gesicht zeigt. Am Ende steht der Struppi völlig nassgeschwitzt im Roundpen und schleppt sich mit hängendem Kopf hinter Hanneliese her, immer darauf bedacht kein Zeichen zu verpassen, damit das wilde Gejage endlich aufhört. Hanneliese denkt: "Prima! Da hab ich dem Struppi heute mal gezeigt, wo der Hammer hängt!". Und sie merkt erst Monate oder Jahre später, dass der Glanz in Struppis Augen ganz verblasst ist. Und das Struppi gar nicht mehr wie früher auf der Weide freudig angezottelt kommt, wenn Hanneliese ruft, sondern dass er sich am liebsten in der hintersten Ecke versteckt. Die Beziehung zwischen den beiden ist völlig gekippt. Weil die Cowboy-Methode nicht zur Situation und zu diesem Pferd-Mensch-Paar gepasst hat.

 

Ein anderes Beispiel: Sarah-Madeleine pflegt einen sehr partnerschaftlichen Umgang mit ihrer Stute Rosie, sie ist ihre beste Freundin und die zwei haben zusammen viel Spaß. Sarah-Madeleine würde Rosie nie schlagen oder auch nur böse anschauen, sie pflegt die Methode der positiven Verstärkung. Und Rosie ist sehr gutmütig und dankbar, für ihre Leckerchen macht sie sowieso alles. Da Sarah-Madeleine schon so viele Zirkuslektionen mit Rosie erarbeitet hat gibt sie ihrer Freundin Lena-Sophie und deren Pony Mäxle Unterricht. Doch schon die erste Stunde endet in einer Katastrophe. Mäxle hat Sarah-Madeleine gebissen und Lena-Sophie getreten, als diese eingreifen wollte. Er ist so sehr auf die Leckerlies fixiert, dass er alles um sich herum vergisst und vom pummeligen Pony zum aggressiven Angreifer mutiert.

 

Wir müssen uns also immer fragen: was bringen wir, was bringt das Pferd mit? Wie ist heute, hier und jetzt die Begegnung, welche Umgebung habe ich, wie sieht es in mir aus (habe ich zum Beispiel schlecht geschlafen)? Was brauche ich, was braucht mein Pferd in diesem Moment? Entsprechend sollte ich meine Herangehensweise und Methode auch immer mal wieder hinterfragen und gegebenenfalls auf die neue Situation, die neue Lage anpassen. Und das hat viel mit Gefühl zu tun, mit Beobachtung und Reflektion. Und zwar bei uns selbst und auch unserem Gegenüber.

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