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Mein Verständnis von Natural Horsemanship

Die Idee des Natural Horsemanship ist uralt – dennoch gibt es keine einheitliche Definition dafür. Die Ausprägungen und Methoden, die sich dahinter verbergen, sind mittlerweile fast unüberschaubar geworden. Vorrangiges Ziel aller Ansätze ist immer der natürliche, partnerschaftliche Umgang mit dem Pferd, geprägt durch Harmonie und Vertrauen. Der Weg dahin und die Umsetzung sind teilweise wunderschön und teilweise haarsträubend, sodass der Begriff mittlerweile in einigen Kreisen schon direkt in Verruf geraten ist. Ich möchte betonen: es geht mir nicht um richtig oder falsch! Diese Zeilen stellen mein Verständnis von Horsemanship dar. Das Thema ist nahezu unerschöpflich und ich könnte noch so viel mehr dazu schreiben. Als Einstieg und um ein grundsätzliches Bild meiner Überzeugung darzulegen, reicht es hoffentlich ☺

 

Natural Horsemanship mit Wildpferden
Kontaktaufnahme mit australischen Wildpferden

Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist die Übersetzung des reinen Wortes: "Horse" für Pferd, "Man" für Mensch, und "Ship" nein, nicht für Schiff, sondern in diesem Fall eher für Kunst. Es ist also ein Begriff für den Umgang zwischen Mensch und Pferd und schon aus dem Wort selbst wird klar, dass es sich dabei um eine Kunstform handelt. Es ist also scheinbar eine Kunst, mit Pferden natürlich umzugehen. Natürlich definiere ich hier als pferdegerecht, für das Pferd sinnvoll und verständlich. Wir Pferdemenschen sind also alle kleine Künstler, die tagtäglich (nämlich bei jeglichem Umgang mit dem Pferd) an unseren Kunstwerken tüfteln. Das heißt NICHT, dass wir uns die Pferde auf Biegen und Brechen so formen wie wir sie gerne hätten! Die Kunst besteht vielmehr darin zu erkennen, was das Pferd benötigt, was es leisten kann und es dazu zu bekommen, dass es dies gerne (mit uns) tut.

Diese Beschreibung gefällt mir deshalb so gut, weil Kunst oft assoziiert wird mit Begriffen wie wertvoll, „teuer“ im Sinne von kostbar, einzigartig, begehrenswert, unschätzbar und unersetzbar. Das sagt ziemlich viel über unsere Beziehung zu Pferden aus! Ein jedes Individuum, ob Pferd oder Mensch, ist außergewöhnlich, ohnegleichen, einzigartig wundervoll. Ebenso eine jede Verbindung miteinander. Genau so sollten wir unsere Pferde, die Beziehung zu ihnen und übrigens auch uns selbst betrachten! Außergewöhnlich, ohnegleichen, einzigartig wundervoll! Dazu kommt: bis so ein Kunstwerk „fertig“ ist, ist es manchmal ein ganz schön langer Prozess – teilweise endet er nie (siehe die Sagrada Família in Barcelona). In jedem Fall dauert er ein Leben lang, denn ohne Entwicklung gibt es kein Leben. Solange wir leben, entwickeln wir uns, im Idealfall bis in unser höchstes Potenzial.

 

Ziel unserer Kunst ist ein harmonischer Umgang zwischen uns und den Tieren, unabhängig davon ob ich mich neben oder auf dem Pferd befinde. (Ich schreibe bewusst nicht Partnerschaft, denn ich glaube an die Führung durch innere Stärke.) Immer abgestimmt auf das jeweilige Individuum. Vollkommene Harmonie mit meinem Gegenüber erreiche ich dann, wenn unsere Gedanken und Gefühle im gleichen Takt schwingen. Streng genommen würde das heißen, dass mein Pferd und ich immer das genau gleiche denken und fühlen müssen, damit wir echt harmonisch miteinander sind. Das ist ein sehr großes Ziel! Es zu erreichen ist sicherlich die höchste Form der Erfüllung – pures Horsemanship, vollendete Kunst!

 

Jedoch haben Pferd und Mensch ganz unterschiedliche Interessen und Denkweisen: der Mensch möchte beispielsweise das Pferd gymnastizieren, damit es lange gesund bleibt. Das Pferd kennt dagegen keine Zeit und macht sich nichts aus Gymnastik, weil es nicht verstehen kann, wozu sie dienen soll. Es ist gesund solange es gesund ist und krank, wenn es krank ist. Der Mensch stellt das Pferd in Ställe und hinter Zäune, damit ihm nichts passiert und es nicht vor ein Auto läuft. Das Pferd empfindet den Zaun als unnötige Begrenzung, befindet sich dahinter doch noch mehr und besseres Futter. Das sind nur kleine Beispiele die zeigen, dass vor allem ein vollkommener Gleichklang der Gedanken nahezu kaum zu erreichen ist. Es handelt sich dabei um ein Endziel, das wir in uneingeschränkter Perfektion vielleicht niemals dauerhaft erreichen.

Harmonie & Vertrauen im Natural Horsemanship
Harmonie & Vertrauen mit Brumbystute Lakida

Natürlich gibt es diese Momente – wo Gedanken und Gefühle von Pferd und Mensch eine Einheit bilden. Wenn wir ganz genau zuhören, achtsam sind, dann werden diese Momente immer häufiger und immer länger. Entscheidend ist, dass wir uns auf den Weg machen, das Ziel zu erreichen und alles was auf diesem Weg passiert nutzen: als Chance, als Lektion, als Geschenk, als Anregung zur Weiterentwicklung.

 

Wenn wir das Ziel in absoluter Perfektion jemals erreichen würden (mal davon abgesehen, dass für jeden von uns etwas Anderes perfekt ist), würde das heißen, es gibt nichts mehr, wohin wir uns entwickeln können. Ohne Entwicklung, also ohne Wachstum, gibt es kein Leben.

 

Wie in der Natur: die Pflanzen wachsen, blühen, entwickeln sich. Im Herbst fallen die Blätter und im Frühjahr sprießen neue Triebe hervor. Würde die Pflanze eines Tages entscheiden, dass der ganze Zyklus sinnlos sei, weil sie die Blätter des Frühlings im Herbst ohnehin wieder verliere – dann würde die Pflanze sterben. Wir haben also großes Glück, wenn uns Pferde umgeben, die uns immer wieder triggern und unser (gemeinsames) Wachstum anregen. 

Auch das gehört für mich zur Kunst des Natural Horsemanship: das Leben (und unser Tier) auf natürliche Weise so zu nehmen, wie es kommt (bzw. ist). Auch wenn es phasenweise anstrengend ist, Mühe, Nerven und Zeit kostet. Die Pflanze betreibt jeden Frühling einen gigantischen Aufwand, um in neuem Glanz zu erstrahlen. Das wertvolle und einzigartige Kunstwerk „harmonische Mensch-Pferd-Beziehung“ darf ein Leben lang wachsen.

 

Viel wichtiger als das Endziel, einen Gleichklang der Gedanken und Gefühle, zu erreichen ist doch, dass ich weiß oder zumindest erahne, was mein Pferd denkt und fühlt. Dann kann ich auf es eingehen und Entscheidungen treffen. Selbst wenn meine Entscheidung mal entgegen dem Interesse meines Pferdes fällt, habe ich mein Pferd gehört, anerkannt und gewürdigt. Und das macht für mich in großen Teilen einen guten Pferdemenschen aus.

 

Für mich geht es beim Horsemanship nicht alleine darum, mit dem Pferd im täglichen Umgang "klar zu kommen". Auch nicht darum, dem Pferd spektakuläre Tricks beizubringen. All das darf auch beinhaltet sein. Im letzter Konsequenz verbinde ich mit Horsemanship ein Lebensgefühl, einen Lebensweg, der in erster Linie die Persönlichkeitsentwicklung beinhaltet. Es geht darum, weiter zu kommen, nicht stehen zu bleiben, wo man bereits ist. Es geht darum, genau hinzuschauen und hinzuhören, achtsam zu sein, sich selbst und dem Lebenwesen an seiner Seite gegenüber.  Es geht darum Ängste zu überwinden, Mut zu haben. Das gilt jeweils für den Menschen ebenso wie für das Pferd. Letztendlich schaffen wir es so eine tiefe Verbindung zueinander und zu uns selbst zu knüpfen. Und können so miteinander und durcheinander wachsen. 

 

Suchst du Unterstützung dabei, dein Pferd und seine Gedanken und Gefühle besser verstehen zu können? Möchtest du mit Hilfe deines Pferdes mehr über dich selbst erfahren? Gerne begleite ich euch ein Stück auf eurem Weg und unterstütze euch dabei, einander näher zu kommen und eine tiefe Verbindung voller Vertrauen aufzubauen. Melde dich gerne bei mir.

Kommentare: 1
  • #1

    Jessica (Freitag, 01 Februar 2019 18:16)

    Hallo Heike,
    so sehe ich das auch. Natural Horsemanship hat für mich auch ganz viel mit Persönlichkeitsentwicklung zu tun. Pferde können uns unglaublich viel beibringen, wenn wir bereit sind wirklich zuzuhören, hinzuschauen und uns selbst zu reflektieren! :)
    Ich bin auch eine Zeitlang auf dem Weg des NHS gegangen, wo es nur darum ging, dass das Pferd funktionierte. Das man zwar eine Kommunikation aufgebaut hat, diese aber nur dazu diente um dem Pferd die eigene Idee aufzudrängen und sein eventuelles "Nein" in ein "Ja" umzuformen. Inzwischen denke ich, dass dieses "Ja" eher ein "Na gut" ist. Ein echtes Ja kann es nur geben, wenn ich auch mal ein Nein akzeptiere.
    Ich freue mich darauf mehr von dir zu lesen. :)

    Liebe Grüße, Jessica