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Freundschaften unserer Pferde

Der 30. Juli ist „Internationaler Tag der Freundschaft“. Wie passend, denn gerade in den letzten Monaten und Wochen wurde mein Fokus unwillkürlich auf das Thema Freundschaften gerichtet. Da unsere Pferdepension wegen „Umnutzung des Hofes“ aufgelöst werden muss, habe ich bedauerlicherweise viele Pferde-Freundschaften zerbrechen sehen… Zeit, sich mal ausführlich Gedanken zum Thema Freundschaften zwischen unseren Pferden zu machen.

Beginnen wir mit etwas Erfreulichem: durch meine Beobachtungen aus vielen Jahren Leben mit Pferden bin ich absolut überzeugt, dass Pferde tiefe, innige Freundschaften knüpfen können. Ein schönes und sehr bewegendes Beispiel dafür liefern die Stuten Biene und Anni, die ich auf dem Christofshof kennenlernen durfte. Biene und Anni waren früher schon zusammen auf einem Hof eingestellt. Es dauerte damals eine Zeit lang, bis sie sich anfreundeten, doch dann wurden sie schnell unzertrennlich. Sie standen in den benachbarten Boxen ganz nah beieinander, steckten auf der Koppel die Köpfe zusammen, pflegten sich gegenseitig das Fell und galoppierten vergnügt und nur zum Spaß miteinander über die Wiesen. Durch diverse Umstände kam es, dass die Stuten wieder getrennt wurden und eine ganze Zeit lang in unterschiedlichen Ställen untergebracht waren. Darunter litten die beiden sehr, doch für den Moment gab es keine andere Lösung.

(Wer die ganze Geschichte der beiden nachlesen möchte, findet Annis Geschichte hier und Bienes Geschichte hier.)

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Biene und Anni sowie Bambi und Duke pflegen jeweils enge Freundschaften

Bis zu einem denkwürdigen Tag auf dem Christofshof. Biene war schon einige Zeit vor Ort und hatte sich gut eingelebt. Durch die liebevolle Betreuung der Besitzerinnen und der Hofpächterin hatte sie, trotz Trennung von Anni, wieder zugelegt und Energie und Kraft gewonnen. Glücklicherweise hatte es sich ergeben, dass auch Anni nun auf den Christofshof ziehen sollte. Eine Traube neugieriger Menschen hatte sich schon im Hof versammelt und wartete auf Annis Ankunft. Biene stand am Putzplatz, und irgendwie lag da schon ein elektrisches Knistern in der Luft. Es ist ja immer spannend, wenn ein neues Pferd in den Stall kommt. Wie reagieren die anderen? Wie sieht das Pferd aus? Steigt es gut aus dem Hänger? Ist es ruhig, oder sehr aufgeregt?

Doch dieses Mal waren da noch mehr Fragen, die unausgesprochen im Raum standen: Würden sich Anni und Biene wiedererkennen? Könnten sie sich überhaupt noch leiden? Oder würden sie gar nicht wissen, wer dieses andere Pferd ist? Wären sie womöglich aufgrund der langen Trennung total entfremdet und „fies“ zueinander? Keiner wusste was passieren würde, keiner hatte eine Vorstellung davon, wie eng diese Verbindung war (und – das nehme ich vorweg – noch heute ist…).

Der Jeep mit dem Pferdeanhänger fuhr auf den Hof und parkte. Die Pferde im Stall waren, wie immer in solch einer Situation, angespannt: sie bemerken zwar, dass etwas nicht Alltägliches vor sich geht, können aber nicht einschätzen, was das bedeutet. Die Heckklappe des Hängers wurde geöffnet – und noch bevor Anni ausgestiegen war, tönte ein lautstarkes Wiehern von Biene über den Hof, das uns allen eine Gänsehaut über den Rücken jagte… Anni stimmte ein, die Stuten rissen die Köpfe herum, erblickten sich und konnten ihr Glück vermutlich gar nicht fassen. Für uns Umstehende gab es keinen Zweifel: die beiden (er)kannten sich und die innige Freundschaft hatte die Trennungsphase unbeschadet überstanden. Noch heute schießen mir Tränen in Augen, wenn ich an diesen Moment der Wiedervereinigung denke. Wer so etwas miterlebt, wird nie wieder in Frage stellen, ob Tiere Emotionen fühlen und Beziehungen pflegen können.Anni und Biene haben gigantisches Glück – ihre Besitzerinnen sind sich einig, dass nichts und niemand jemals wieder diese Freundschaft trennen soll. Heute leben sie zusammen in ihrem eigenen kleinen Stallparadies. Und auch wenn sie nicht wie geplant auf dem Christofshof zusammen sterben können, so haben sie doch eine wunderbare Alternative für sich gefunden. Vor allem sind und bleiben sie vereint – bis zum Ende.

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Brumby-Stuten Lakida und Halley - gute Freunde kann niemand trennen ;-)

So viel Glück hat längst nicht jede Pferdefreundschaft. Das ist eine bittere Erkenntnis aus den letzten Wochen und Monaten Hofauflösung. Da werden Herden auseinandergerissen, langjährige Freunde getrennt, Verbindungen gekappt, Tiere verlieren ihre Heimat und damit ihren sicheren Hafen. Manchmal von jetzt auf gleich. Ich möchte nicht urteilen oder bewerten. Das Leben ist Veränderung, wir sind hin und wieder gezwungen, weiterzuziehen. Und unsere Pferde mit uns. Jeder Pferdebesitzer kann in die Lage kommen, entscheiden zu müssen, was mit seinem Pferd wird, weil es dort, wo es eingefriedet ist und gute Beziehungen pflegt, nicht bleiben kann. Unabhängig von den Gründen. Ich finde es nur erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit der Mensch manchmal agiert. Ich frage mich, wie oft bei so einem Stallwechsel auch tatsächlich an das Wohl des Tieres gedacht wird, und weniger daran, wie es für den Menschen bequem(er) ist?

Sicherlich gibt es Gründe, die gewichtiger sind und einen Stallwechsel eher rechtfertigen als andere. Den Pferden jedoch sind die Gründe egal…

Unsere Pferde richten sich in ihrem Zuhause häuslich ein. Sie gehen ihren alltäglichen Gewohnheiten nach, und als Gewohnheits-, Herden- und Fluchttier lieben sie diese Routinen. Unsere Pferde pflegen Beziehungen und Freundschaften. Zum Teil sehr innige. Nicht nur, weil es ihrem Überleben dient, sondern weil sie es möchten, weil sie es können und weil es ihrer Seele guttut. Das sollte sich jeder Pferdebesitzer zumindest mal bewusstmachen.

Natürlich gibt es auch Zweckbeziehungen oder Pferdefreundschaften, die zwar nett sind, ohne die es aber auch geht. Vielleicht in etwa so wie die von Monty und Hit, unseren Stallopas. Die beiden alten Wallache hatten eine richtige Männer-WG auf dem Christofshof. Mit gemeinsamem Fressen aus der Heuraufe, lustigem Eimerchen-Tausch, wenn es Kraftfutter gab, und ab und zu auch mal ein freudiger gemeinsamer Galopp über die Koppel. Im Halbdunkel musste man eigentlich nur den weißen Punkt auf der Koppel suchen und wusste, irgendwo direkt neben Schimmel Hit steht auch Monty, der Braune. Für uns Menschen war ganz klar: die beiden pflegen eine richtig gute Männerfreundschaft. 

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Monty und Hit - Kumpels bis in alle Ewigkeit

Irgendwann, als die beiden immer älter und die Winter immer härter wurden, kam natürlich auch die Frage auf, was wohl passiert, wenn einen von beiden eines Tages die Kräfte verlassen würden… Uns allen war eigentlich klar, dass der Andere, Zurückbleibende, das nicht lange aushalten und dann wahrscheinlich bald folgen würde. Als dann noch die Hofschließung seitens des Verpächters angekündigt wurde, war die Situation noch verfahrener. Was sollte aus den alten Wallachen werden? Für die Besitzerinnen stand fest: die beiden können nicht mehr getrennt werden und auch trotz Hofauflösung nicht mehr umziehen. Dafür würden die Kräfte nicht ausreichen. Monty und Hit bekamen eine Ausnahmegenehmigung, dass beide auf dem Christofshof bleiben und eines Tages dort sterben dürfen. 

Doch es kam anders und Hit entschied, dass er die Hofauflösung nicht miterleben wollte. Unter seiner Weide schlief er ein und Monty wachte in der Nacht an seinem leblosen Körper. Doch wider Erwarten zerbrach Monty nicht an seiner Trauer. Für ihn war es okay, er verstand. Sein Freund Hit konnte nicht mehr, doch seine, Montys Zeit, war noch nicht gekommen. Er berappelte sich schnell, suchte etwas mehr die Nähe der Menschen und ging ansonsten bald wieder seinem normalen Tagesablauf nach.

Im Nachhinein fällt mir auf, dass Monty und Hit so gut wie nie gegenseitige Fellpflege betrieben haben. In den Wintermonaten war das aufgrund der dicken Pferdedecken auch nur schwer möglich, doch selbst im Sommer, als die Stiche juckten, haben sich die beiden höchst selten mal beknabbert. Ob es am Alter lag, oder eben daran, dass es halt doch „nur“ eine zweckmäßige Männer-WG war, kann ich nicht beurteilen… So individuell wie die Persönlichkeiten unserer Pferde sind eben auch die Arten der Freundschaften zwischen den Tieren. Festzustellen, wie tief und innig eine Beziehung zwischen zwei oder mehr Pferden ist, steht uns Menschen doch gar nicht zu.

Und dennoch nehmen wir Menschen uns das uneingeschränkte Recht heraus, Pferdefreundschaften zu trennen, Tiere aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen, Herden nach eigenem Gutdünken zusammenzuwürfeln… Manchmal haben wir keine andere Wahl, manchmal entscheiden wir aber auch nur aus dem eigenen Ego heraus – und dann bleibt das Tierwohl auf der Strecke.

Für uns Hofbewohner ist es schier unerträglich mitanzusehen, wie sich die Pferde in alle Himmelsrichtungen verstreuen. Wie nach und nach Familienverbände getrennt werden. Wie die Pferde tage- und nächtelang nacheinander rufen, weil ein Herdenmitglied plötzlich abhandengekommen ist. Die Pferde trauern, sie vermissen die fehlenden Glieder in ihrem sozialen Gefüge.

Da sich auf dem Christofshof viele bewusste Tierhalter versammelt hatten, haben manche Pferde Glück. Sie dürfen zumindest zu zweit zusammenbleiben oder finden sich in neuen Ställen, in neuen Herden mit bereits bekannten Pferden ein. Aber es gibt leider auch die anderen Pferde. Die, die nach dem Auszug vom Christofshof wie ein Wanderpokal durch die Ställe ziehen. Oder die, die zurückbleiben…

Freundschaft zwischen Pferden, Pferdebeziehungen
Sharoom und Filou - mal Kampf, mal Küsschen ;-)

Besonders tragisch klingt es, wenn der Herdenchef des Offenstalls hysterisch schreit, jedes Mal, wenn eines seiner Familienmitglieder auch nur für einen Moment den Stall verlässt. Er hat in den letzten Monaten so viele Gefährten verloren, dass er jedes Mal Panik hat, auch dieses Mitglied wird nicht mehr zurückkommen. Dass seine eigenen Besitzer für seine Misere verantwortlich sind, kann er nicht ahnen. Er versteht nicht, was vor sich geht. Er versteht nicht, dass es um Geld geht, darum sich ein Denkmal zu setzen. Er versteht nicht, dass es um Machtspielchen geht, darum zu zeigen, wer der Boss ist. Er versteht nichts vom menschlichen Ego… So kann er auch nicht verstehen, warum sich seine ganze Herde auflöst, warum ein Mitglied nach dem anderen weichen muss, warum es immer einsamer um ihn herum wird…

Nein, ich plädiere ganz bestimmt nicht dafür auf immer und ewig in ein und demselben Stall zu bleiben. Es gibt (Lebens-)Umstände, die einen Stallwechsel einfach erforderlich machen. Es muss schließlich passen – und zwar für Pferd und Mensch. Jedoch sollten wir bedenken, dass wir für unsere Pferde ein Zuhause wählen, in dem es rund um die Uhr lebt, und in dem es auch Freundschaften knüpft und Beziehungen pflegt. Und wir sollten ein bisschen weniger leichtfertig damit umgehen. Wir sollten ein bisschen mehr hinterfragen. Wir sollten unseren Pferden ein Privatleben zugestehen. Und eben auch eigene Beziehungen und Freundschaften. Und ihm zugestehen, dass es diese pflegen kann.

Wenn es unvermeidbar ist, sollten wir anerkennen, dass unser Pferd eine Trennungsphase durchmacht, mit allem was dazu gehört, mit allen Emotionen. Wir sollten es vorbereiten, so gut wir können. Wir können vielleicht mit Bachblüten unterstützen, oder mit anderen homöopathischen Mitteln. Und so simpel wie effektiv: wir können mit unserem Pferd reden. Erklären. Ich bin überzeugt, sie verstehen – wenn nicht unsere Worte, dann zumindest unsere Energie und Schwingungen. Vor allem braucht unser Pferd Zeit und Verständnis. Ein bewusstes Hinsehen von uns und ein anerkennen seiner Situation. Für ein Pferd, das diese Entscheidung nicht selbstständig getroffen hat, ist eine Veränderung unter Umständen schwerer zu verdauen wie für uns selbst, die wir ja mit logischem Verstand die Lage vollständig erfassen können.

Freunde fürs Leben, Pferde-Freundschaften
Seit Jahren beste Freunde - Sancho und Sharoom

Auch ich bin gezwungen, mein Pferd umzustellen. Zum Zeitpunkt der Kündigung war Sharoom noch so labil in seiner Persönlichkeit, dass ich wirklich ernsthafte Sorgen hatte, er würde einen Stallwechsel und vor allem eine mögliche Trennung von seinem „Ersatzpapa“ Sancho nicht überleben. Ich hatte Bilder von Stresskoliken im Kopf, von einem tobenden Pferd, das für Unbeteiligte gefährlich werden könnte. Für den Moment gab es keine Lösung, und es schien auch keine aufzutauchen. Ich bin froh, dass wir uns Zeit genommen haben. Zeit, um uns selbst und die Pferde auf die neue Situation ganz langsam einzuschwingen. Zeit, in der Sharoom unfassbar gereift, stärker und stabiler geworden ist. Zeit, um ein Zuhause zu finden, in das ich Sharoom guten Gewissens bringen kann.

Ein Zuhause, in das er mit seinen beiden engsten Kumpels Sancho und Filou ziehen kann. Ein Zuhause, das wir mit viel Fleiß und Schweiß für unsere Pferde passend machen. Ein Zuhause, das wir sogar zu Fuß erreichen können, sodass die kleine Herde gemeinsam dorthin laufen kann. Ein Zuhause, in dem die drei Jungs auch nach dem Umzug ihre Freundschaft pflegen können. Und in dem sie vielleicht auch neue Freundschaften knüpfen – auf dass diese lange halten werden!

Kommentare: 1
  • #1

    Mona Schäfer (Dienstag, 30 Juli 2019 16:54)

    Es gibt nicht viele Artikel, die ich spontan kommentiere und teile. Dies ist einer. � Ich habe schon oft daran gedacht, ähnliche Lebensgeschichten meiner Pferde aufzuschreiben, die deinen Erzählungen sehr ähnlich sind, liebe Heike. Ich kam noch nicht dazu - aber nun hast du ja so wundervoll darüber geschrieben!
    Danke �