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Das Wild-Sein zurück erobern

Der heutige Beitrag ist meiner Stute Majana gewidmet, die im August 2017 nach langer Krankheit über die Regenbogenbrücke galoppiert ist. Auch wenn ihr Körper nicht mehr hier ist, lebt sie in meinen Erinnerungen, in meinen Gedanken und in meinem Herzen ♥ An manchen Tagen führt sie dort einen regelrechten wilden Tanz auf, sie hüpft, buckelt und springt - und ganz egoistisch wünschte ich manchmal sie wäre hier, auch wenn ich weiß, dass es ihr dort wo sie jetzt ist besser geht.
Liebe und Freundschaft zwischen Mensch und Pferd / Liebeserklärung an ein Pferd
Majana beim Steigen

Ich muss lachen, weil ich mich erinnere, wie dieses verrückte Pony mich zur Weißglut getrieben hat. Ich erinnere mich an wilde Ausritte, wilde Buckler, wilde Galoppaden, wildes Kopfgeschüttel. Wenn ich es mir recht überlege, war dieses Pony ganz schön wild, als ich sie 2006 kennengelernt habe. In den gemeinsamen Jahren haben wir viel zusammen gelernt, trainiert, Vertrauen aufgebaut, eine Verbindung fürs Leben geknüpft. Ich habe viele Fehler gemacht und Majana hat sie mir alle verziehen. Irgendwann war sie das, was man landläufig als "brav" bezeichnen würde. Sie hat einfach alles mitgemacht, fast nie, ohne nochmal nachzufragen, aber am Ende immer mit einem "ja" oder zumindest einem "na gut, okay". Sie hat alles gegeben für uns - auch noch, als sie eigentlich schon längst nichts mehr geben konnte...

Irgendwann habe ich mich nach ihrer wilden Seite gesehnt. Als ich alles Wilde an ihr wegtrainiert hatte und sie irgendwann auch gar keine Kraft mehr hatte, wild zu sein. Da wollte ich es wieder - das Glitzern in den Augen, den Schalk im Nacken, den Quatsch mit Soße im Kopf.

Heute erkenne ich einige Parallelen und auch eine Botschaft dahinter. Auch uns Menschen wird es als Kind schon abtrainiert "wild" zu sein. Wir sollen stundenlang still sitzen, nicht schreien, uns nicht schmutzig machen, immer brav und anständig sein. So lernen wir das von Eltern, Erziehern, Großeltern und Lehrern. Zum Teil machen Kinder das auch freiwillig, unbewusst, um die Liebe ihrer Eltern zu bekommen, um keinen Ärger zu kriegen oder einfach, um nicht aufzufallen. Ich war so ein Kind. Meine Mama lobt mich heute noch dafür, wie lieb ich immer alleine in meinem Zimmer gespielt habe, ohne dass jemand einen Pieps von mir gehört hätte. Versteht mich nicht falsch, ich hatte eine wirklich schöne Kindheit, mit allem, was ein Kind so braucht! Ich habe mich damals selbst dazu entschieden, meinen Eltern nicht zur Last fallen zu wollen. Das zieht sich bis heute durch mein Leben - niemals würde ich es wagen, mich jemandem aufzudrängen. Und meine Definition von aufdrängen ist - für mich - eng gestrickt...

Freiarbeit mit Pferden / Liberty / Horsemanship / Pferdeliebe
Mut zum Wild-Sein :) - Majana und ich 2011
Ich habe schon als kleines Kind entschieden, meine Wildheit abzulegen. Entsprechend unspektakulär war meine Pubertät. Doch auch ich spüre diesen Drang nach Wildniss, nach wild sein - und ich fürchte, eines Tages, wenn ich älter bin und keine Energie mehr habe, wild zu sein, werde ich mich nach dieser Wildheit sehnen. Wenn ich ehrlich bin, vermisse ich sie heute schon hin und wieder. Einfach mal darauf scheißen, was andere denken und sagen. Einfach mal ausbrechen aus der gesellschaftsfähigen Norm. Einfach mal die Haare lila färben und die Nase piercen lassen.

Vermutlich kommt daher auch mein Hang zu einem Leben auf dem Bauernhof, in der Natur, mit Tieren, die noch näher an ihrer wilden Seite dran sind als wir Menschen.
Vermutlich kommt daher auch mein Hang zu diesem kaum gesellschaftskonformen Mann, der nie ein Blatt vor den Mund nimmt, selbst wenn er ab und zu damit aneckt.
Vermutlich kommt daher auch mein Hang zu den Wildpferden, meine Sehnsucht nach ihnen und nach dem Land, das sie bewohnen.
Vermutlich kommt daher auch mein Hang zu diesem völlig verrückten Araberkind, das vor Energie und Wildheit nur so strotzt und keine richtige Lust darauf hat, sich "zähmen" zu lassen... ☺
Coaching und Persönlichkeitsentwicklung mit Pferd / von Pferden lernen
Einfach mal Quatsch machen :) - Majana und ich 2017
Ohne Majana wäre ich nie auf einen Pferdehof gezogen. Ohne Majana hätte ich nie die Reise zu den Wildpferden angetreten. Ohne Majana wäre ich niemals bei Sharoom gelandet (oder er bei mir...) - vielleicht ist diese Erkenntnis der Grund, warum sich alles so fügen musste. Vielleicht wollte sie mich an meine wilde Seite erinnern, und daran, dass auch diese Wildheit gesehen und gelebt werden will. Vielleicht wollte sie mir mitgeben, dass ich das wild sein annehmen darf - bei mir und auch bei anderen. Vielleicht dürfen wir uns öfter mal erlauben zu sagen "Ich lass' das jetzt so" oder auch "Ich mach das jetzt so, egal was andere denken"! 
 
Von Anfang an war mein Wunsch für mein jetziges Pferd Sharoom, dass er sein wild-sein, sein Clown-sein und seinen Quatsch im Kopf behält. Er soll und darf über sich hinaus wachsen und reifen, er darf in seinen Körper finden und erkennen, wie schön die Welt ist. Er darf dem Leben vertrauen lernen. Aber niemals nicht muss er "brav" und abgerichtet werden. Soviel habe ich verstanden. Danke, meine liebe Püppi, beste Lehrerin aller Zeiten! ♥

Schlummert in dir auch eine wilde Seite? Lebst du sie schon oder traust du dich (noch) nicht? Poste in die Kommentare oder erzähle mir dort von deinem wildesten Erlebnis - war es vielleicht mit deinem Pferd? ☺

Kommentare: 1
  • #1

    Nadine Ceglowski (Samstag, 21 September 2019 15:46)

    Oh Heike, wie sehr ich mich in deiner Beschreibung des braven Mädchens wiedererkenne... Auch meine wilde Seite musste erst laut und beharrlich werden, bevor ich sie in mein Leben gelassen habe. Das war vor ungefähr 10 Jahren. Da bin ich aus alten Mustern ausgebrochen. Hab angefangen Dinge zu tun, die meine Eltern mir nicht beigebracht haben. ;-) Ich denke, du verstehst was ich meine. Ich würde sagen, das verrückteste war, meinen sicheren Beamtenjob zu verlassen. Es tut soooo gut! Ich lebe jetzt endlich mein Leben, so wie ich es liebe mit meinen Fähigkeiten und Begabungen. Und ich habe im Frühjahr angefangen Reitstunden zu nehmen. :-) Herzensdank für die Erinnerung!