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Für MEHR Vermenschlichung beim Pferd

Ich höre ihn schon, den Aufschrei, der sich wegen meiner Überschrift in vielen Köpfen regen wird. „Mehr Vermenschlichung beim Pferd – was soll das denn? So ein Blödsinn! Pferde sind keine Menschen!“ Absolut. Völlig richtig! Pferde sind keine Menschen. Sie werden auch nie Menschen sein. Sollen sie auch gar nicht. Wir lieben sie doch gerade dafür, dass sie eben Pferde sind und gerade KEINE Menschen. Oder? ☺

Kommunizieren wie ein Pferd

Deshalb sollten wir sie auch nicht wie Menschen behandeln. Vielmehr sollte der Mensch lernen, das Pferd wie ein Pferd zu behandeln. Wie ein Pferd zu kommunizieren. Pferdesprache zu sprechen. Damit das Tier eine Chance hat, zu verstehen, was der Mensch möchte. Und im Idealfall auch, damit der Mensch versteht, was das Pferd eigentlich möchte – und auch braucht.

Trotzdem bleibe ich bei meiner Überschrift: Ich bin für mehr Vermenschlichung beim Pferd.

Was heißt "Vermenschlichung"?

Erstaunlicherweise wird „Vermenschlichung“ besonders in Reiterkreisen (aber auch bei anderen Tierhaltern) oft mit „Verweichlichung“ oder „übermäßigem betüddeln“ gleichgesetzt – und geradezu verteufelt. Ich frage mich ernsthaft, woher das kommt. Wenn ich mir unsere Gesellschaft ansehe, stelle ich eher eine Tendenz zur Verrohung und Verhärtung fest. Gefühlt werden die Menschen aggressiver, radikaler, extremer, gewalttätiger – in ihrem Umgang miteinander, aber auch mit anderen Spezies und der Natur. Vielleicht wird dieses Bild auch nur durch Presse und Medien gezeichnet, oder zumindest verschärft. Was bedeutet denn also „Vermenschlichung“ überhaupt? Und ist es wirklich so viel schlechter, wenn Vermenschlichung hieße, dass wir weicher werden?

Vermenschlichung, auch Anthropomorphismus genannt, bedeutet zunächst einmal, dass nicht-menschlichen Wesen wie Tieren (oder auch Pflanzen, Göttern…) menschliche Eigenschaften oder Verhaltensweisen zugeschrieben werden.

Vermenschlichung beim Pferd - bewusster Umgang mit Pferden
Übermäßiges Betüddeln oder einfach achtsam mit dem Pferd sein?

Das bedeutet zum Beispiel, dass Pferde dann wie Menschen betrachtet, interpretiert und behandelt werden.

Pauschal ist das natürlich NICHT das, was ich sagen möchte.

Lebewesen mit Herz und Seele

Wenn es nur darum ginge, fühlen zu können und eine Seele zu haben stehen uns die Tiere in nichts nach. Dem wird jeder vertrauenswürdige Tierbesitzer zustimmen, sofern er eine echte Beziehung zu seinem Weggefährten aufgebaut hat. Pferde (und andere Tiere) besitzen ein Selbstgefühl, sie sind sich ihrer bewusst, wissen, dass sie in dieser Welt existieren. Wir alle sind Lebewesen, wir sind Säugetiere, und Mensch wie Tier sind Teil der Natur.

Selbstverständlich plädiere ich NICHT dafür, den Blick für die wahre Natur der Pferde zu verlieren, im Gegenteil. Pferde haben ihre eigene „Sicht“ auf die Welt, sie haben eigene Bedürfnisse, die sich (auch) von denen der Menschen unterscheiden. Pferde erleben die Welt anders als wir Menschen. Darum können wir sie auch nicht wie unseresgleichen behandeln. Was passieren kann, wenn wir es doch tun, beschreibt Svenja Stuck in ihrem Beitrag Denn sie sind nicht wie wir.

Bewusstes Horsemanship - achtsam mit Pferden kommunizieren
Im Alltag mit Pferden wird Vieles selbstverständlich

Alltäglicher Umgang mit dem Pferd - eine Selbstverständlichkeit

Dennoch nehme ich meine Aussage nicht zurück: Ich bin für mehr Vermenschlichung beim Pferd. Was meine ich also damit?

Viele Handlungen und Aktivitäten sind im Alltag mit unserem Pferd für uns selbstverständlich geworden. Am Stall angekommen holen wir das Pferd aus seiner Box, seinem Offenstall oder von seiner Weide. Zur Begrüßung patschen wir dem Pferd mit der Hand durchs Gesicht, streifen ihm ein Halfter über die empfindsamen Ohren, rupfen am Strick und damit an der Nase, damit es uns folgt. Wir verlangen vom Pferd, dass es sich überall anfassen lässt – auch an seinen empfindlichsten Körperstellen. Wir schnallen dem Pferd einen Sattel auf den Rücken und es ist für uns selbstverständlich, dass das Tier still zu stehen hat, während wir auf seinem Rücken Platz nehmen.

Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Wenn Pferd und Mensch einander gut kennen, eine Verbindung geknüpft haben und wenn der Mensch bewusst und mit Bedacht vorgeht. Leider scheitern hier (noch zu) viele. Und genau hier wünsche ich mir mehr Vermenschlichung beim Pferd: in dem Sinne, dass wir uns (öfter) mal vorstellen, wie all das, was wir mit dem Pferd tagtäglich anstellen, aussehen würde, wenn wir einen Menschen vor uns hätten.

Ein fühlendes, beseeltes Lebewesen. Denn genau das ist das Pferd!


Weshalb wir unser Pferd mal als Person betrachten sollten

Wir würden also unserem Kollegen (oder unserer Kollegin) morgens zur Begrüßung erst einmal ordentlich mit der Hand durchs Gesicht und über den Kopf wuscheln. Wir würden ihn (oder sie) an den Nasenlöchern in den Besprechungsraum zerren, anstatt einfach durch Sprache und Gestik darum zu bitten, uns zu folgen. Wir würden ihm (oder ihr) ungezwungen über den Bauch und die Innenseite der Oberschenkel fahren… Und wir würden ihm (oder ihr) einen Rucksack auf den Rücken schnallen, nur um kurz darauf beherzt auf eben diesen Rücken zu springen, damit er (sie) uns in die Kantine tragen möge. Das muss man sich einfach einmal bildlich vorstellen. Solch ein Verhalten würde unter Menschen als unhöflich, ungehobelt, grob und sexistisch gelten. Wahrscheinlich wären wir schon bei der Begrüßung einer Abmahnung nahe. Im weiteren Verlauf wäre eine Anzeige wegen sexueller Belästigung nicht ausgeschlossen.

Natürlich kann man jetzt sagen: „Das ist doch was ganz Anderes, das kann man doch nicht vergleichen!“ Ja, warum eigentlich nicht? Mal abgesehen davon, dass Vergleiche immer schwierig sind, weil wir alle Individuen sind. Das Pferd ist ein beseeltes, lebendiges Wesen, mit einem Bewusstsein für sich selbst, mit Herz und Gefühlen. Ebenso wie der Mensch.

Welchen Unterschied Achtsamkeit und Bewusstheit machen - bei Menschen und Pferden

Stellt man sich dasselbe Szenario unter einander vertrauten, bewusst handelnden Menschen vor, kann es schon ganz anders aussehen: Da streicht die gutmütige Omi ihrem Enkelkind zur Begrüßung liebevoll über die Wangen und den Kopf. Sie zupft es zärtlich an der Nase und flüstert, dass in der Küche schon der warme Vanillepudding auf das Kind wartet. Sie streichelt fürsorglich über den Kinderbauch, wenn es von zu viel Pudding essen Bauchschmerzen hat. Und das mit dem Reiten…? Das wäre wohl eher umgekehrt ☺ Omi oder Opi nehmen das Kind wohlwollend Huckepack, wenn es Reiter spielen möchte oder auf einer Wanderung müde geworden ist.

Das WIE macht den Unterschied, und auch, wie zwei Wesen zueinander stehen. Im Umgang mit unseren Pferden verlieren wir genau dieses natürliche Gefühl füreinander zu oft aus den Augen. Nur weil ein Pferd mir gehört, heißt es nicht, dass ich mir alles herausnehmen darf. Und denke einmal an die unzähligen Schulpferde, die tagtäglich mit Menschen konfrontiert sind, die eben nicht nur unwissend sind (sie wollen ja lernen!), sondern oft auch unachtsam und distanzlos. Und keiner sagt ihnen, dass es doch auch anders ginge...! Das Schlimmste ist, dass wir uns dann darüber wundern, wenn sich ein Pferd auflehnt, unbequem wird, oder – noch schlimmer – abstumpft, nicht mehr fein auf Hilfen reagiert, innerlich tot vor sich hinvegetiert.

Sich in das Gegenüber hineinversetzen - auch beim Pferd!

Wenn ich mir also MEHR Vermenschlichung bei unseren Pferden wünsche, spreche ich genau davon. NICHT, dass wir sie behandeln sollen als wären sie Menschen. Nicht einmal unbedingt, dass wir sie behandeln sollen wie uns selbst. (Viele Menschen, besonders Pferdefrauen, behandeln sich selbst ausgesprochen schlecht, verurteilend, sind voller Härte und Zweifeln sich selbst gegenüber.) Viel eher meine ich, dass wir unsere Pferde so behandeln, wie wir uns wünschen, von anderen (Menschen) behandelt zu werden.

Ich würde keinen fremden Menschen ungefragt an meinen Kopf und meine Ohren lassen wollen – das sind empfindliche, überlebenswichtige Strukturen. Und schon gar nicht an die Innenseite meiner Oberschenkel – hier verläuft meine Oberschenkelarterie, die mein gesamtes Bein versorgt und am Leben hält. Was unter Liebenden eine vertraute Geste an einer hoch-erogenen Zone ist, die mit der Ausschüttung vieler Glückshormone einhergehen kann, ist unter Fremden oder wenn das Gegenüber nicht einverstanden ist ein absolutes NO GO!

Bei einem Menschen würden wir nicht selbstverständlich annehmen, dass er/sie einverstanden ist. Bei unseren Pferden tun wir das. Und ich frage mich wirklich wieso.

Pferden mit Wertschätzung und Respekt begegnen
Reinspüren was dem Pferd gut tut

Annäherung ans Pferd mit Anstand, Respekt und Wertschätzung

Ich bin durchaus dafür, dass sich mein Pferd überall berühren lassen sollte. Nur so kann ich checken, ob alles in Ordnung ist und nur so kann ich es im Notfall untersuchen und behandeln. Jedoch gehe ich bewusst und mit Bedacht vor, gerade wenn ich an empfindliche Strukturen vordringe. Ich achte auf die Mimik und Gestik meines Tieres. Ich nehme mir Zeit und überfalle es nicht. So viel Anstand, Höflichkeit und Bewusstsein MUSS im Umgang mit unseren Pferden sein! Genau wie bei uns Menschen, wo gewisse Umgangsformen zum guten Ton gehören und normal geworden sind. (Selbst, wenn es Tendenzen in der Gesellschaft gibt, die anderes vermuten lassen – insofern bin ich auch für eine (Wieder-)Vermenschlichung der Menschen. ☺)

Mit respektvoller Annäherung und genügend Achtsamkeit im Umgang lieben es viele Pferde sogar, an den Ohren oder der Innenseite von Kniegelenk und Oberschenkel gekratzt und gekrault zu werden. Gerade in Phasen des Fellwechsels oder während der Kriebelmücken-Zeit kann dies ein echtes Lob Nummer 1 sein!

Vom Wildpferd zum Schmusetier - wilde Pferde achtsam zähmen
Mit Wertschätzung & in liebevoller Absicht Wildpferde an empfindsamen Stellen kraulen

Auch die innere Einstellung der sich nähernden Person kann darüber entscheiden, ob das Pferd einverstanden ist: Tiere erspüren sehr wohl, ob der Mensch ihnen etwas Gutes tun möchte oder in Hast und Eile ein (selbst auferlegtes) „Muss“ zu erfüllen hat.

Hinterfrage dich doch in den nächsten Tagen einmal selbst: Was hältst du bei deinem Pferd für selbstverständlich, und ist es das wirklich? Wie oft berührst du dein Pferd unbewusst – und mag es dein Pferd überhaupt, dort auf diese Art und Weise berührt zu werden? Würdest du dein Pferd auch so behandeln, wenn es ein Mensch wäre? Und würdest du als Mensch so von deinem Pferd / einem anderen Menschen behandelt werden wollen?

Schreib‘ deine Gedanken, Erfahrungen und Erkenntnisse gerne in die Kommentare – ich freu mich sehr über unseren Austausch!


Was dieser Beitrag zusätzlich bewirken soll...

Natürlich möchte ich mit diesem Beitrag auch wachrütteln. Wir machen uns oft sehr schnell (viel zu schnell) ein Bild, von einer Überschrift, einem Wort, einer Handlung. Ohne Hintergründe zu kennen oder überhaupt kennen zu wollen. Wir werten. Unmittelbar, sofort. Darauf ist unser Gehirn ausgelegt. Schnelles Bewerten. Das hat unser Überleben gesichert. Wenn ein Raubtier kommt, hilft es nicht, lange abzuwägen. Da muss schnell erfasst, bewertet und gehandelt werden. Heutzutage begegnen wir in Deutschland und Europa jedoch eher selten einem Raubtier. Wir können es uns erlauben, abzuwägen, zu hinterfragen, Argumente anzuhören. Bewusst über etwas nachzudenken. Bewusst zu handeln. Und wir können es uns sogar erlauben, Dinge ganz ohne Wertung einfach mal so stehen zu lassen.


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Kommentare: 1
  • #1

    Jessica Freymark (Dienstag, 17 März 2020 13:39)

    Liebe Heike,
    wieder mal ein toller Blogbeitrag, der mir aus dem Herzen spricht! Ich weiß nicht, warum wir Pferde manchmal so anders behandeln... bei Hunden sind wir meistens ja auch höflicher und lassen uns erstmal beschnuppern und achten auf die Reaktion, bevor wir den Hund anfassen. Und wir würden auch nie mit Hunden oder Katzen so umgehen, wie häufig mit Pferden umgegangen wird.

    Ich vergleiche selbst auch häufig den Umgang mit Pferden mit dem Umgang mit Menschen, weil wir so einfach selbst am Schnellsten merken, was wir da eigentlich tun. ;) Deshalb bin ich in diesem Fall auch ganz klar, für mehr Vermenschlichung. ;)

    Liebe Grüße
    Jessica